„Die zweite Hälfte meiner Heimat“ nannte die Dichterin Annette von Droste-Hülshoff (1797-1848) aus Westfalen die kleine Stadt Meersburg am Bodensee. Auf Einladung ihrer Schwester Jenny kam sie 1835 zum ersten Mal zu Besuch und wohnte im Alten Schloss, das ihrem Schwager Joseph von Laßberg gehörte.
Annette (Anna Elisabeth) Freiin von Droste zu Hülshoff wurde am 12. Januar 1797 auf dem Wasserschloss Hülshoff bei Münster in Westfalen geboren. Von Geburt an war sie schwächlich und zart. Ihre Erziehung war konservativ und als Frau des beginnenden 19. Jahrhunderts hatte sie geringe Möglichkeiten zur persönlichen Entfaltung. Freiheiten bot ihr allein ihre literarische Tätigkeit. Ihr Werk wurde jedoch spät bekannt und gewürdigt. Ihre erste Gedichtsammlung von 1838 wurde überwiegend abfällig besprochen. Erst mit ihrer zweiten Sammlung schaffte sie 1844 ihren literarischen Durchbruch.
Annette von Droste-Hülshoff nahm ihre literarische Arbeit sehr ernst und war sich bewusst, große Kunst zu schaffen. Ihre Balladen wurden berühmt („Der Knabe im Moor“), wie auch ihre Novelle („Die Judenbuche“). Ein wichtiges Dokument tiefer Religiosität ist ihr Gedichtzyklus „Das geistliche Jahr“, in dem aber – typisch für die Zeit – auch die Zerrissenheit des Menschen zwischen aufgeklärtem Bewusstsein und religiöser Suche gestaltet wird. Heute beeindruckt vor allem ihre enorme Korrespondenz, die einen sehr privaten Einblick in ihren Alltag ermöglicht und sie als erzählfreudige und humorvolle Persönlichkeit und prägnant beschreibende Beobachterin zeigt.
Das 1843 erworbene Fürstenhäusle hat Annette nie wirklich bewohnt. Aber sie hat es häufig besucht und die himmlische Aussicht auf das weite Land und die ihr zu Füßen liegende Stadt Meersburg genossen. Als Annette von Droste-Hülshoff 1846 zum wiederholten Male zu einem Aufenthalt an den Bodensee kam, war sie schwer krank. Sie konnte Meersburg nicht mehr verlassen und starb am 24. Mai 1848. Beigesetzt wurde sie auf dem Meersburger Friedhof.
In dieser relativ kurzen Zeit am Bodensee entstanden die bedeutendsten ihrer Dichtungen. Folgende Zeilen verfasste die Dichterin über die alte Meersburg:
"Das alte Schloß":
Auf der Burg haus ich am Berg
Unter mir der blaue See,
höre nächtlich Koboldzwerge,
Täglich Adler aus der Höh,
Und die grauen Ahnenbilder
Sind mir Stubenkameraden,
Wappentruh und Eisenschilder
Sofa mir und Kleiderladen
Schreit ich über die Terrasse
Wie ein Geist am Runenstein,
Sehe unter mir die blasse
Alte Stadt im Mondenschein
Und am Walle pfeift es weidlich,
– Sind es Käuze oder Knaben?
Ist mir selber oft nicht deutlich,
Ob ich lebend, ob begraben!
Ja, wird mir nicht baldigst fade
Dieses Schlosses Romantik,
In den Trümmern ohne Gnade
Brech ich Glieder und Genick;
Denn, wie trotzig sich die Düne
Mag am flachen Strande heben,
Fühl ich stark mich wie ein Hüne,
Von Zerfallendem umgeben.
(...)
(Annette von Droste-Hülshoff , Sämtliche Gedichte, Frankfurt./M., 1988)