Das Orientalische als dichterisches Motiv Dossier: Droste-Hülshoffs „Klänge aus dem Orient“

Ihr Verleger empfand die Gedichte und Balladen über den Orient „fremdartig und störend“ – sie passten nicht so recht in das Werk Annette von Droste-Hülshoffs. Erst später schätzte man ihre Gedichte für das, was sie waren: atmosphärische Dichtungen über die Gegensätze des Morgenlandes.

Fürstenhäusle Meersburg, Büste der Annette von Droste-Hülfshoff

„Der Königin der deutschen Dichterinnen gewidmet von Freunden ihrer Muse 1898.“

DER ORIENT ALS INSPIRATIONSQUELLE

Annette von Droste-Hülshoff (1797‒1848) zählt zu den bedeutendsten deutschen Autorinnen des 19. Jahrhunderts. Aus der malerischen Landschaft ihrer Heimat Westfalen und des Bodensees schöpfte sie Inspiration für ihre Werke. Auch der Orient, das ferne Morgenland, übte eine Faszination auf die Dichterin aus. Mit ihren Gedichten folgte sie der Orientmode und den Literaturtrends der Zeit. Den Gedichtzyklus nahm man als „exotischen“ Einzelfall in ihrem Werk wahr: Er erschien „fremdartig“ und „störend“.

Detail eines schwarzlackierten Tisches im Fürstenhäusle Meersburg

Exotisches im Fürstenhäusle: ein schwarzlackierter Tisch mit Intarsien aus Perlmutt.

MINIATUREN DES ORIENTS

In den 1820er Jahren begann Annette von Droste-Hülshoff sich mit orientalischer Literatur und Werken deutscher Autoren zu beschäftigen. Die Erinnerungen daran flossen in ihre Dichtungen ein. Ihre orientalischen Miniaturen umfassen 21 Balladen und Gedichte. Nur die Ballade „Der Barmekiden Untergang“ geht auf eine orientalische Vorlage zurück: Die Dichterin übernahm die Handlung und Namen der Figuren. Ihr Verleger Schlüter hielt das Werk für eine Nacherzählung – und wollte sie nicht veröffentlichen.

Fürstenhäusle Meersburg, Paradezimmer

Im Fürstenhäusle schrieb sich Annette von Droste-Hülshoff in literarische Welten.

„DER BARMEKIDEN UNTERGANG“

„Der Barmekiden Untergang“ beschreibt das tragische Ende einer verbotenen Liebe zwischen der Schwester des Kalifen und dessen Großwesir. Als Tänzerin verkleidet, schlich sich Maimuna jahrelang in die Gemächer des wesentlich älteren „Dschafers des Barmekiden“: „In der Tänzerin Gewande / Schmiegen sich der Fürstin Glieder, / Um die Schultern Seide flattert, / In dem Arm die Zither liegt“. Als die Affäre auffliegt, wird Dschafer geköpft und der Stamm der Barmekiden vertrieben.

Titelblatt der Gedichte von Annette Elisabeth von Droste-Hülshoff, 1838

Von dem ersten Gedichtband Droste-Hülshoffs wurden nur rund 70 Exemplare verkauft.

EIN SPIEGELBILD DES WESTENS

In den Dichtungen vereint Annette von Droste-Hülshoff die Sinnlichkeit auf der einen und Grausamkeit auf der anderen Seite: Ihre Hauptakteure leiden der Liebe oder eines ungerechten Herrschers wegen – Tod oder Vertreibung sind oft unausweichlich. Dabei werfen die „Klänge aus dem Orient“ einen abendländisch-verklärten Blick auf die orientalische Welt ‒ das Morgenland wird zum Spiegel der eigenen Gesellschaft: Missstände im Westen wie Hunger und Armut spiegelt die Dichterin poetisch in der fernen Welt.

Schrank mit Schubladen im Arbeitszimmer

Das Fürstenhäusle in Meersburg erwarb Annette von Droste-Hülshoff 1843.

ATMOSPHÄRISCHE DICHTUNG

Erst im 20. Jahrhundert würdigte man, dass Annette von Droste-Hülshoff die faszinierende Atmosphäre des Morgenlandes einfing – wie im Gedicht „Gesegnet“: „Wer bist du doch, o Mädchen, / Du mit dem schwarzen Schleier, / Und mit dem schwarzen Sklaven, / Der weißen Sklavin du?“ […] „Wie Sterne deine Augen / Durch deines Schleiers Nächte, / Dein Gang wie der Gazelle, / Wie Palme die Gestalt.“ In manchen Texten deuten nur Signalwörter wie „Sandalen“ und „Pirat“ auf den Orient als Handlungsort hin.

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